Logopädie – (k)ein Beruf für Menschen mit Handicap


Wir suchen nach individuellen Lösungswegen, um die Ausbildung zur Logopädin auch für diejenigen zu ermöglichen, die vielleicht neue Wege beschreiten wollen.

Der Blindenführhund Antoni liegt gähnend im Klassenraum. Für ihn ist jetzt Pause, während sein Frauchen das Video eines Patienten mit Schluckstörung hört. „Was fällt ihnen auf, wenn sie den Patienten schlucken sehen?“ fragt die Dozentin. Schweigen. Dann meldet sich die erblindete Schülerin Friederike Scherret und bemerkt, dass sie gehört hat, dass sich der Patient jedes Mal nach dem Schluckakt den Mund abwischt. Sie würde dies als einen Hinweis auf anteriores Leaking bewerten. Und sie hat mit ihrer Einschätzung Recht.
Vieles, was wir mit den Augen wahrnehmen, ist auch zu hören. Das Schlucken kann man zum Beispiel wunderbar mit dem Stethoskop abhören, Spannungen in Muskeln kann man ertasten und Texte kann man mit einem Sprachausgabeprogramm am Computer lesen. Mit dieser Offenheit für neue Wege ist es der Logopädieschule in Baden-Baden gelungen, eine blinde Schülerin als Logopädin auszubilden.

Die 33jährige Friederike Scherret aus Berlin erblindete während ihres Medizinstudiums. Danach suchte sie nach einem Beruf, den sie auch mit ihrer Erblindung ausüben könnte. Ihr Sohn war zu dieser Zeit wegen einer Verzögerung der Sprachentwicklung und einer Muskelfunktionsstörung in logopädischer Behandlung. Die Logopädin gab ihr oft Übungen für zu hause mit. Frau Scherret, wandelte die Übungen gemeinsam mit der Logopädin so um, dass sie diese selbständig gut durchführen konnte. Sie entdeckte so ihr Interesse an der logopädischen Arbeit und wusste, dass viele Bereiche diese Arbeit für sie möglich sind.

Auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz erlebte sie dann die ersten Widerstände. Einige Schulen lehnten ihr Anliegen grundsätzlich ab. Die Begründung war oft, dass sie es ja nicht sehen könne, wenn ein Patient eine der häufig auftretenden Muskelfunktionsstörung im Gesicht habe. Dass man diese Störungen sehr gut ertasten und teilweise hören kann, war kein Argument. Gezählt haben aber die Argumente „Das hat ja noch nie jemand gemacht“ und „Blinde können bestimmt viele andere Berufe ausüben, aber gerade in der Logopädie ist es besonders schwierig.“ Einige Schulen konnten sich zwar grundsätzlich vorstellen, eine Blinde zur Logopädin auszubilden, scheuten sich aber vor dem zusätzlichen pädagogischen Aufwand, den das bedeuten würde.
Und auch die Finanzierung der Ausbildung war problematisch. Die Bundesagentur für Arbeit hat per Gericht entschieden, dass die Ausbildung zur Logopädin nicht „leidensgerecht“ ist. Eine Ausbildung zur Physiotherapeutin hätte allerdings problemlos über die Bundesagentur voll finanziert werden können.

Gemeinsam neue Wege gehen

Mit dieser Vorgeschichte wendet sich die Berlinerin an die Logopädie-Schule der IB- Medizinischen Akademie in Baden-Baden. „Ich war schockiert, als Frau Scherret mir ihre Geschichte erzählte“ sagt Tanja Hüttner die Leiterin der Schule. Dass einer blinden Person in unserem Land und in Zeiten der Inklusion nicht den Beruf erlernen darf, den sie erlernen möchte, ist unfassbar.

Statt nach Problemen zu suchen, sucht die Schulleitung mit ihrem Team nach Lösungen. Mit der Frankfurter Blindenstiftung wurde in einer Begehung der  Schule überprüft, ob die Ausbildung tatsächlich für eine blinde Person möglich ist. In Absprache mit der Geschäftsführung der IB-Medizinischen Akademie wurde ein Finanzierungskonzept für die Ausbildungskosten entwickelt. Und es wurden Spender gesucht und gefunden, die teilweise die Kosten für das Therapiematerial übernehmen konnten, das extra beschriftet werden muss. Während dieser Zeit hospitiert Frau Scherret für eine Woche  in der Schule, um selbst eine Einschätzung darüber zu bekommen, ob die Ausbildung für sie zu schaffen ist. Nachdem all diese Fragen geklärt waren und auch das zuständige Regierungspräsidium der Ausbildung zugestimmt hatte, konnte das Unmögliche möglich gemacht werden.

Im Oktober 2013 begann zum ersten Mal in Deutschland eine Blinde die Ausbildung zur Logopädin. Im Oktober 2016 hat Friederike Scherret ihr Examen erfolgreich abgeschlossen.


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